Speicher

Tirol braucht keine weiteren Speicherkraftwerke

Mär
29

Der Kriterienkatalog für den Ausbau der Tiroler Wasserkraft, initiiert von Landesrat Anton Steixner, wurde in den Medien beworben (Beispiel). Benutzt wurde der Slogan Energie aus und für Tirol, der suggeriert, dass der in Tirol produzierte Strom in Tirol verbraucht wird. Die Rede ist auch von "sauber" und von "zukunftsorientiert". Betrachtet man die Situation zum Beispiel bei den großen Speicherkraftwerken im Kaunertal und Sellrain, dann mutet diese Wortwahl doch etwas seltsam an. Betreffend der Notwendigkeit von Speicherkraftwerken zeichnen auch Steixner's Experten im Kriterienkatalog ein anderes Bild.

Kaunertal

Vor 30 Jahren wurden den Kaunertaler Kindern noch Geschichten über die Tiwag erzählt, die von den tollen Wasserkraftspeichern erzählten und einem Tausch von Spitzenstrom gegen Grundlast im Verhältnis 3:1.

Kindern kann man viel erzählen. Tatsächlich wurde der Bau des Kaunertalkraftwerks zu zwei Dritteln durch deutsche Energiekonzerne finanziert. Dazu gehören Stromabnahmeverträge die noch bis 2019 laufen. Diese ermöglichen den Bezug von 450 von den 661 GWh des durchschnittlich im Kaunertal produzierten Stroms für die deutschen Konzerne RWE und Bayernwerk AG, "bezahlt wird ein sehr niedriger Preis" (dieTiwag.org).



Das Kaunertalkraftwerk wurde als einziges großes Kraftwerk der Tiwag nicht Cross-Border-verleased. Somit ist es nicht direkt in der Hand amerikanischer Finanzspekulanten. Ist es aber somit wirklich ein Tiroler Kraftwerk? Folgende Karte des Kraftwerksparks des deutschen Konzerns RWE zeigt, wer wirklich das sagen hat:

(Bildquelle: Markus Wilhelm, dieTiwag.org)

Auch in einem Interview auf dieTiwag.org erfährt man mehr über die "Funktionsweise" des Kaunertalkraftwerks:

Wie ist das: Die Deutschen, heißt es, „fahren“ das Kraftwerk wie ein eigenes?
So ist es. Das Kommando zum Einschalten kommt aus Brauweiler bei Köln. Das ist die übergeordnete Stelle. Die geben den Befehl, d.h. ein Signal, dann wird in der Schaltzentrale im Krafthaus in Prutz ein Knopf gedrückt. (dieTiwag.org)

Das Kaunertalkraftwerk produziert Strom also hauptsächlich für ausländische Abnehmer, anscheinend zu einem sehr niedrigen Preis. Der Betrieb des Kaunertalkraftwerks wird von Deutschland aus dirigiert.

Sellrain-Silz

Im Zusammenhang mit dem Bau der Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz, schloss die Tiwag ebenfalls Verträge mit deutschen Konzernen ab.

Bayern (vormals Bayernwerke AG, jetzt EON) und Baden-Württemberg (vormals EVS, jetzt EnBW) verfügen seit Inbetriebnahme 1981 je über eine Turbine in Silz und eine Pumpturbine im Kühtai, darüberhinaus über Speicherraum und Zufluss zur eigenständigen Bewirtschaftung von Sellrain-Silz (dieTiwag.org).

Sellrain-Silz liefert "saubere" Wasserkraft?

Das Sellrain dient EnBW und EON als Halde, auf die kurzfristig überschüssiger Strom aus Kohle- und Atomkraftwerken gekippt wird. Hinter dem Energiekonzern aus Baden-Württemberg steht der Atomstromriese Electricité de France, und EON speist sich heute vor allem aus zwölf AKWs in Deutschland, aber auch aus Kernkraftwerken in Litauen, Tschechien (Temelin) und Rußland. Im Kühtai steht damit so etwas wie eine Wiederaufbereitungsanlage für Atomstrom. (dieTiwag.org)

Vor kurzem ein Thema in diversen Medien, von Markus Wilhelm schon letztes Jahr thematisiert: die Auflösung der Verträge zwischen EnBW und Tiwag.

Erst 1992 konnte der Vertrag mit EVS in einen Energietauschvertrag umgewandelt werden, wobei das Tauschverhältnis von Spitzenstrom zu Grundlaststrom mit 1:2 festgesetzt wurde. Zusätzlich wurden, wie beim Vertrag mit den Bayern (hier nachzulesen), anteilige Ausgleichszahlungen der TIWAG für Brennstoffkosten vereinbart. Als Referenzkraftwerk, anhand dessen diese Kosten berechnet werden sollten, wurde der eben errichtete Block 7 des Steinkohlekraftwerks in Heilbronn auserkoren. Exakt die dort für bestimmte Aufwendungen anfallenden Kosten sollten anteilig für den von EVS (seit 1997: EnBW) bezogenen Strom der TIWAG in Rechnung gestellt werden. (die Tiwag.org)

Dass die Tiwag für dieses CO2 mitzahlen soll beweist, dass Speicherstrom kein sauberer sein kann, kommt doch der Tausch- und Pumpstrom zu einem großen Teil aus Kohle- und Atomkraftwerken. Zudem wurde der Strom mit EnBW offensichtlich jahrelang gar nicht getauscht sondern verkauft. Von Eigenversorgung kann hier auch nicht die Rede sein.

Neue Kraftwerke: für wen?

Interessanterweise wird unter anderem die deutsche EnBW noch 2006 als ein zukünftiger Partner für die Ausbauprojekte der Tiwag genannt. Das lässt vermuten, dass die Ausbauprojekte wieder nach Muster Sellrain-Silz oder Kaunertal finanziert werden:

Tiwag und Landesregierung forcieren einen Ausbau von Pumpspeicherkraftwerken, zwei Milliarden Euro will die Tiwag in den nächsten zehn Jahren dafür investieren. Auch der dabei erzeugte Spitzenstrom soll wieder an E.on und EnBW exportiert werden. Der bei diesem Geschäft von der Tiwag bezogene zusätzlich bezogene Bandstrom, würde den Atomstromanteil für die Tiwag-Kunden noch einmal deutlich erhöhen. (DerStandard 9.2.2006)

Interessant wäre auch zu erfahren was passiert, wenn diese Partner jetzt, zumindest teilweise, wegfallen? Für wen wird dann dieser Strom produziert?

Die Bundeswettbewerbsbehörde gab am Dienstag eine "Zusammenschlussmeldung" bekannt. Darin hieß es, dass die Tiwag die Auflösung ihres langfristigen Vertrages mit der EnBW über 50 Prozent an der in ihrem Alleineigentum [?] stehenden Kraftwerksgruppe Sellrain-Silz beabsichtige. Kritik an diesen Verträge hatte es in der Vergangenheit von den Tiroler Grünen gegeben, die den "sukzessiven Ausstieg der Tiwag aus Atomstromverträgen mit der deutschen EnBW" gefordert hatten. Die EnBW ist in Österreich an der EVN beteiligt und mit einem Anteil von rund 37 Prozent zweitgrößter Aktionär nach dem Land Niederösterreich. (derStandard, 9.3.2010)

Eigenversorgung und Speicherkraftwerke. Was im Entwurf des Kriterienkatalogs steht:

Dass die Speicherkraftprojekte der Tiwag nicht der Eigenversorgung dienen, kann man auch dem aktuellen Kriterienkatalog von LR Steixner entnehmen. Zum Stichwort Eigenversorgung und "Energie aus und für Tirol" nennen die Experten des Kriterienkatalog interessante Fakten:

Die Speicherkapazität übersteigt bei einer Jahreshöchstlast in Öster-
reich von etwa 10.000 MW den eigenen Bedarf an Spitzenlast deutlich. (Kriterienkatalog, 14)

Die Speicherwasserkraft kann dabei von kurzfristigen Preissprüngen profitieren, da sie das gespeicherte Wasser nachfrageorientiert und damit zu Hochpreiszeiten abarbeiten kann. Insgesamt führen langfristig volatile Strompreise allerdings zu einer schwieriger werdenden Planbarkeit der Einnahmen von Wasserkraftwerken, die bei Neubauprojekten als weitere Risikokomponente im Rahmen der Wirtschaftlichkeitsberechnung berücksichtigt werden sollte. (Kriterienkatalog, 39)

Bspw. würde ein zusätzliches Speicherkraftwerk in Tirol auf Grund der im Verhältnis zur Nachfrage bereits hohen installierten Speicherkraftwerksleistung keinen wesentlichen Beitrag zur Erhöhung der Versorgungssicherheit leisten.(Kriterienkatalog,39)

Eine Ausbau des Kaunertalkraftwerks birgt große Investitions-Risiken und dient nur dem Stromexport. Für die Eigenversorgung und Versorgungssicherheit Tirols und Österreichs werden keine weiteren Speicherkraftwerke benötigt. Pumpspeicher, wie die geplanten Speicher im Fernergries und Taschachtal, zerstören einzigartige Schutzgebiete. Dafür wird importierter Strom aus Kohle und Atomkraftwerken (unter erheblichen Stromverlusten!) "rein gewaschen" und in Spitzenstrom verwandelt, den wir in Tirol nicht brauchen und der nur für den Export ins Ausland bestimmt ist.

Posted By Christoph Praxmarer Weiterlesen
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